Das digitale Lagerfeuer - Selbstliebe und Verantwortung im 21. Jahrhundert

Die Menschheit hat in den Jahrtausenden ihrer Existenz enorme Veränderungen durchgemacht. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen sich kleine Gruppen urzeitlicher Menschen um ein Lagerfeuer scharrten und die ersten sozialen Bünde formten. Verantwortlichkeit und Gemeinschaftlichkeit waren von enormer Bedeutung für das Überleben. Angesichts der Gefahren einer unbekannten Wildnis waren die Überlebenschancen eines einzelnen Menschen relativ niedrig. Die Entwicklung von Sprache hat da eine wichtige Lücke geschlossen und die Gemeinschaften unserer Vorfahren drastisch verändert. Mithilfe rudimentärer sprachlicher Mittel wusste man um die Nahrhaftigkeit gewisser Pflanzen und konnte Gefahren der Umwelt antizipieren. Lernkurven wurden zur gemeinschaftlichen Herausforderung und das Risiko für den Einzelnen minimiert. Nicht nur untereinander, sondern auch über Generationen hinweg haben wir die Welt um uns herum in erkennbare Muster umgewandelt und unsere Überlebenschancen ob der Gefahren in Form von wilden Tieren, Wetterereignissen und später auch menschlich entstandenen Herausforderungen verbessert. Verantwortung hat dabei stets eine wichtige Rolle gespielt. Doch was bedeutet das überhaupt?

Verantwortung beschreibt die Fähigkeit, die Folgen von Handlungen einschätzen zu können und auf Basis dieser Informationen sein Verhalten so anzupassen, dass mit größter Wahrscheinlichkeit ein positives Resultat erzielt wird. So konnten unsere Vorfahren es sich nicht erlauben, Nahrungsvorräte unbedacht zu verbrauchen. Was, wenn eine Dürre kurz bevorstand? Genauso konnten sie nicht einfach den Schutz ihrer Höhle verlassen und im Wald auf Nahrungssuche gehen. Was wäre wohl passiert, wenn man unbewaffnet auf einen Säbelzahntiger getroffen wäre? Verantwortung bedeutet also, über sein Handeln nachzudenken. In unserem ersten Beispiel läge die Verantwortlichkeit in der Portionierung vorhandener Nahrung, um eine langfristige Versorgung sicher zu stellen. Im Falle des Waldspaziergangs erkannten unsere Vorfahren die Notwendigkeit der Bewaffnung und des gemeinschaftlichen Erforschens des Walds, um ihre Überlebenschancen erheblich zu erhöhen.

Heutzutage scheint die Antwort nicht mehr so klar, denn die Welt ist eine andere. Wir leben schneller, effizienter und vernetzter denn je, aber auch abgelenkter. Hungersnot und andere Gefahren spielen in den industrialisierten Teilen der Welt keine Rolle mehr. Auch die Bedeutung der Gemeinschaft ist eine andere. Wie übernehme ich also Verantwortung und wofür überhaupt? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zuerst den Zustand der Welt ansehen und verstehen warum die größte Bedrohung für uns Menschen des digitalen Zeitalters ein negatives Selbstwertgefühl ist.

Das digitale Lagerfeuer

In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts scheinen wir alles gesehen zu haben und alles zu kennen. Schutz vor Gefahren und soziale Zugehörigkeit sind zumeist Teil der Grundsicherung unseres Lebens. Wir werden in ein soziales Umfeld geboren, in dem jegliche Umweltgefahren neutralisiert sind. Auch die Bedeutung der Gemeinschaft ist eine andere. Durch Smartphones und sozialen Medien ist die Befriedigung unserer sozialen Bedürfnisse stets nur den Druck weniger Tasten entfernt. Auch unsere Wissensgeschichte ist nicht länger ein notwendiges Überlebenswerkzeug. Es gibt keine Gefahr mehr, die wir nicht mit der Hilfe des Internets überwinden könnten, denn Suchmaschinen haben unser Leben in eine digitale Landkarte recherchierbarer Fakten verwandelt.

Wir haben die existenziellen Sorgen der frühen Menschen hinter uns gelassen und wenden uns nun anderen Bedürfnissen zu. Diese Bedürfnisse wurden erstmals im Jahre 1943 von Abraham Maslow, einem bekannten humanistischen Psychologen, in der Maslowschen Bedürfnishierarchie zusammengefasst. Seine Forschung beschäftigte sich mit dem menschlichen Streben nach Selbstverwirklichung und stellte sie an die Spitze einer pyramidenförmigen Sortierung menschlicher Grundbedürfnisse. Physiologische Bedürfnisse wie Hunger und Schlaf stellen das Fundament dar, auf dem Schutzbedürfnis, soziale Zugehörigkeit sowie alle anderen aufbauen. Ein großer Teil der Menschheit ist nun an der Spitze dieser Pyramide angekommen und Selbstverwirklichung ist das zentrale Mantra unserer Zeit. Darunter versteht sich die Ausschöpfung all unserer Möglichkeiten, um unseren individuellen Wünschen und Zielen gerecht zu werden und diese mit größtmöglicher Zufriedenheit umzusetzen. Nur selten ist das, was ich möchte, jedoch genau das, was andere von mir erwarten. Unsere Individualität steht also oftmals im Kontrast zur Gemeinschaft, der wir angehören.

Instagram, Twitter und TikTok sind ebendiese modernen Gemeinschaften und machen jeglichen gemeinschaftlichen Kompromiss obsolet. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt werden an digitalen Lagerfeuern vereint, wodurch unsere soziale Existenz nicht länger ortsgebunden ist. Ein Nachteil ist der relative geringe Selbstbezug sozialer Medien, da sie für jeden Menschen auf der Welt gleichermaßen existieren und Sinn ergeben müssen. An den Lagerfeuern sitzend erkennen wir durch den pixeligen Rauch nur schwer unser Gegenüber, denn in all unserer grenzenlosen Verbundenheit herrscht oftmals strikte Anonymität. Die Frage „Wer bin ich?“ ist nicht mehr an unseren Körper gebunden, sondern wird von unseren Avataren und Profilbildern beantwortet. Die Möglichkeiten der Individualisierung sind schier endlos. Weder statisch noch notwendigerweise ein direktes Abbild von uns selbst manipulieren wir sie mit Bildbearbeitung und Filtern um den Hüftspeck, die Zahnlücke oder den schlafen Busen endlich hinter uns lassen. Dabei sind wir jedoch nicht nur auf unser Aussehen beschränkt. Auch unser Leben kann beschnitten, erweitert und verzerrt werden, so wie wir es belieben. Es verwundert demnach nicht, dass das Internet zu einem Mekka für Erfolgsgeschichten geworden ist. An jeder Ecke trifft man auf Menschen, die es scheinbar geschafft haben, Wohlstand, Erfolg und die sagenumwobene Zufriedenheit zu finden. Wir glauben diesen Fantasien und wenden den gleichen Anspruch von maximalem Erfolg bis zu makelloser Schönheit auf unsere eigenen Leben an. Schaffen wir es dann unser Handy zur Seite zu legen, kehren wir aus den bunten Fantasien des Internets zurück und stellen ernüchtert fest, wie weit wir davon entfernt sind, unsere eigenen Träume zu leben. Minderwertigkeitsgefühle und ein stark belasteter Selbstwert sind die Folgen, wenn die große weite Welt erfolgreicher Unternehmer, Models und Künstler zum Standard in den kleinen Wohnzimmern unserer Gesellschaft wird. Schon die kleinsten Rückschläge scheinen auf ein größeres Versagen zu verweisen und unsere Frustrationstoleranz ist fast nicht mehr existent. Der unsichtbare Aufwand, also die Tage und Stunden an Arbeit, die in digitale Inhalte fließen, ist kein Geheimnis und doch sehen wir nur den teuren Luxus, den schnellen Erfolg über Nacht oder den perfekten Körper. Inmitten unseres von Stress geprägten Alltages treiben wir uns so zu Höchstleistungen an und ignorieren unser mentales und physisches Wohl. Ich muss nur hart genug arbeiten, dann ist mir der schnelle Erfolg garantiert. Doch dieser Erfolg wird mit großer Wahrscheinlichkeit nie kommen. Tag für Tag bedrohen wir mit dieser Denkweise unseren eigenen Selbstwert und unsere Zufriedenheit. Der Grund, warum wir uns lieber einer digitalen Traumwelt als unserem eigenen Leben hingeben, ist die Einfachheit, mit der Misserfolg externalisiert werden kann. Ausreden machen es leichter, keine Verantwortung übernehmen zu müssen und liefern uns stets eine passende Rechtfertigung vor uns selbst. Alle anderen haben es so einfach im Leben zu gewinnen, nur ich nicht. Mit einer derartigen Haltung wird unser Leben weiter vor sich hinplätschern. Zwar sterben wir im Normalfall nicht daran, doch sind wir zu einer Existenz zwischen unerfülltem Träumen und stetigen Enttäuschungen verdammt. Verändern wird sich so niemals etwas, denn es fehlt an Verantwortung gegenüber uns selbst. Die bedingungslose Liebe gegenüber all unserer positiven und negativen Eigenschaften, um sich nicht länger mehr schämend in fremde Lebensentwürfe flüchten zu müssen. Doch wie funktioniert das nun eigentlich mit dieser Verantwortung?

Wie übernehme ich Verantwortung?

Anfangs hilft es, zu verstehen, welche Folgen das Fehlen von Verantwortung haben kann. So schränken pessimistisches Denken, die Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen, Stagnation oder eine Opfermentalität erheblich die Lebensqualität ein. Die Integration positiver Verhaltens- und Denkweisen kann uns aus diesen Sackgassen manövrieren und Stück für Stück Lebensqualität zurückholen.

(1) Selbstliebe: Das Fundament eines glücklichen Lebens ist die Selbstliebe, und doch bedrohen wir sie stetig und freiwillig durch unsere übermäßige Nutzung sozialer Medien. Körperbild, Karriere oder Wohlstand anderer tragen dazu bei, dass wir uns für weniger wert halten. Dingen, die man nicht für minderwertig hält, schenkt man weniger Aufmerksamkeit und so verlieren wir uns in digitalen Ablenkungen, anstatt an unserer Karriere als freier Texter, einer Idee für ein Brettspiel oder der praktischen Arbeit für unsere Ausbildung zu arbeiten. Es gibt eine Vielzahl kleiner, einfacher Aktivitäten, die unseren Selbstwert Schritt für Schritt verbessern und helfen, langfristig ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln. Beim Schreiben eines Tagebuchs, in Meditationen oder bei heißen Bädern können wir über uns nachdenken, denn Selbstliebe bedeutet auch immer Zeit mit sich alleine zu verbringen. Positive Affirmationen, Spaziergänge oder jegliche Art von Sport helfen außerdem, den Kopf frei zu kriegen und steigern nicht nur unseren Selbstwert, sondern auch unsere Motivation. Nur wer sich selbst liebt, wertschätzt sich selbst genug und erlaubt es sich seine Träume verfolgen zu dürfen.

(2) Selbstsabotage: Erwarten wir von uns selbst enttäuscht zu werden, dann drücken wir diese Abneigung oft in negativen Selbstgesprächen aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns sabotieren, anstatt uns selbst mit Liebe und Verständnis zu begegnen, ist sehr hoch. Unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, schmerzt. Statt also unsere eigenen Fehler zu erkennen und zu verstehen, warum unsere Hausarbeit schlecht benotet wurde, geben wir einfachheitshalber externen Ursachen die Schuld. „Die Anforderungen an die Hausarbeit waren so schwammig formuliert.“ Sobald wir hinschauen und aufhören Ausreden zu erfinden, gelingt es uns unser und auch die Resultate, die wir damit erzielen, zu verändern.

(3) Selbstreflexion: Bei Selbstreflexion handelt sich nicht um die abstrakte Phrase eines Psychologen, sondern um die bewusste Wahrnehmung unserer Gefühle, Gedanken und Handlungen. In der Schnelligkeit des Alltags geht dies oft unter, dabei ist die Selbstreflexion ein ideales Werkzeug, um etwas gegen die ständige Selbstsabotage zu unternehmen. Indem wir uns selbst Fragen stellen und diese am besten schriftlich beantworten, kommen wir unseren Gefühlen näher und treten in Kontakt mit uns selber. Man ist oft erstaunt, welche Gedanken und Gefühle zum Vorschein kommen. Die Überforderung, mit der wir unserem Leben entgegentreten und die oftmals ursächlich für unser pessimistisches Denken ist, verliert enorm an Komplexität, wenn wir verschriftlichen, was in und um uns vorgeht. So erkenne ich womöglich, dass es nicht andere Verpflichtungen sind, die Tag für Tag verhindern, dass ich meine Bewerbung einreiche. Viel eher fühle ich meine Angst vor einer Ablehnung oder aber auch dem Erfolg einer Bewerbung. Den Fragen, die wir uns stellen, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ein einfaches „Wie geht es dir?“ oder „Wie war dein Tag?“ reichen jedoch oft schon aus. Man mag sich wundern, was eine scheinbar einfache Frage an Emotionen hervorrufen kann.

(4) Selbstverständnis: Beschäftige ich mich regelmäßig mit mir selber, bin ich in der Lage, ein gesundes Selbstverständnis zu entwickeln. Je genauer wir uns selbst zuhören, umso mehr erkennen wir, wer wir sind und lernen unsere guten wie auch vermeintlich schlechten Seiten wertzuschätzen. Genauso erkennen wir, was uns guttut und was nicht. Selbstverständnis hilft uns, Gewohnheit von Notwendigkeit und fremden Einfluss von eigenen Wünschen zu unterscheiden. Ab diesem Punkt sind wir in der Lage, Verantwortung für uns selbst und unser Handeln zu übernehmen. Wir wissen über uns und unsere Fähigkeiten Bescheid und können auf Basis dieser Informationen abschätzen, was das bestmögliche Leben für uns ist und wie wir es erreichen. Die magnetische Anziehungskraft der sozialen Medien ist nun schon wesentlich schwächer. Die Leben fremder Internet-Persönlichkeiten scheinen weniger erstrebenswert und man erkennt, wie sehr der eigene Lebensentwurf doch von dem anderer abweicht. Wenn die Ablenkungen der modernen Welt ihren Glanz verlieren, dann sehen wir, wie viel mehr Zeit für uns selbst und unsere Träume bleibt.

Die Menschheit hat sich seit der Steinzeit stark verändert. Für einen großen Teil der Welt sind Nahrung und Schlaf gesichert, die Bedürfnisse von Sicherheit und Gemeinschaft befriedigt. Selbstverwirklichung ist die große Idee der neuzeitlichen Welt. Und doch hat sich eine Sache nicht verändert. Die Notwendigkeit der Verantwortung. Zwar ist der Tod nicht länger eine Konsequenz ihrer Abwesenheit, doch an seine Stelle tritt das Elend unerfüllten Potenzials. Geheime Träume, die in staubigen Schränken ersticken. Es liegt an uns, die Schlüssel dieser Schränke zu finden. Kein einfaches Unterfangen, denn die moderne Welt ist ein Leviathan voller Ablenkungen und die Fallen unserer Minderwertigkeitsgefühle warten an vielerlei Orten darauf zuzuschnappen. In den digitalen Gemeinschaften sind wir in diesen Momenten mehr als früher auf uns alleine gestellt. Erfahrungen und Erlebnisse werden miteinander geteilt, doch es liegt an uns, diese sinnvoll in unser Leben zu integrieren. Dafür stehen uns mächtige technologische Hilfsmittel zur Verfügung, die uns durch laute, bunte Unterhaltung aber auch genauso gut davon wegzutreiben vermögen. Es ist also die Verantwortung des 21. Jahrhunderts, uns selbst kennenzulernen. Die Hintergrundgeräusche von der Musik zu unterscheiden, Ängste einzugestehen und eine Liebe uns selbst gegenüber zu kultivieren. Sie ist unser eigenes privates Lagerfeuer, das die scheinbar dunkle Nacht erhält und die Fackeln entzündet, mit denen wir in die Welt erkunden.