Spaziergänge - Wundermittel der Natur
Trockenes Laub bricht knisternd unter den Sohlen, seidiger Lehm drückt sich in die Zwischenräume der Zehen. Es kitzelt, knackst und pikst. Ob barfuß oder mit festem Schuhwerk, jeder kann in den Genuss eines Spaziergangs kommen. In der Bewegung erscheinen stagnierende Gedanken und pochende Stressquellen in einem neuen, weniger intensiven Licht. Große Probleme verwandeln sich plötzlich in minimale Hürden und eine Wand, die wir eben noch zwanghaft einzurennen versuchten, ist nun nicht mehr da. Das Wissen um die positiven Effekte eines Spaziergangs ist jedoch keine Erkenntnis moderner Menschen, die einen Ausweg aus digitalen Welten suchen. Die erfolgreichsten und bekanntesten Menschen unserer Geschichte wussten um die Vorteile des Gehens, auch wenn diese in der heutigen Welt oft abgetan werden. Schließlich habe man Besseres zu tun, als „stupide durch die Gegend zu laufen“.
Schon das Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren wurde durch den aufrechten Gang stark verändert. In einer vorindustriellen Gesellschaft hing das Überleben primär von den natürlichen Ressourcen des Lebensraums ab. Der Wandel unserer Vorderfüße in Hände verbesserte vor allem unsere Nutzung von Werkzeugen, mit deren Hilfe wir Früchte, Gestein und andere Naturalien besser verarbeiten konnten. Doch auch unsere Beziehung zur Vertikalen veränderte sich. Es war nicht nur möglich, Nahrungs- und Gefahrenquellen früher und besser zu identifizieren, auch lebenserhaltende Strukturen konnten während Phasen der Migration transportiert werden. Unser Gang ist also auch immer Sinnbild für Veränderung. Für ein Wagnis etwas Neues zu erleben. Eine Einladung in das stetige Fortschreiten des Lebens. Viele berühmte Persönlichkeiten, ob Künstler*innen, Wissenschaftler*innen oder Politiker*innen nahmen diese Einladung an. Inmitten eines Waldes, eines Stadtparks oder den schluchtartigen Gassen einer Stadt sinnierten sie über wichtige Entscheidungen, künstlerische Bestrebungen aber auch den Sinn ihres eigenen Lebens. Steve Jobs, Gründer von Apple und oft als moderner Renaissancemensch beschrieben, war bekannt für seine ausgiebigen Spaziergängen, die er zum Lösen von Problemen, aber auch zum Nachdenken oder für Meetings nutzte. Aristoteles und seine peripatetische Schule, deren Name sich passenderweise als das schreibende Gehen oder das gehende Schreiben übersetzen lässt, befanden sich während seiner Lektionen stets in Bewegung über den Innenhof der Akademie. Søren Kierkegaard sah sein Schreiben und das Gehen auf eine meditative Weise miteinander verwoben. Negative Gedanken, wie Selbstzweifel oder auch physische Leiden waren für ihn ein Resultat buchstäblichen Stillstands. Mithilfe des Gehens liefe er sich „jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entlaufe so jeder Krankheit“. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um den Zeitvertreib einer intellektuellen Elite, vielmehr erkannten all diese Menschen die Vorteile darin ihren Alltag mit Bewegung aufzulockern.
Während unser Körper und unsere Blicke umherwandern und flüchtig an etwas hängen bleiben, nur um wenige Sekunden später schon wieder etwas anderes zu entdecken, stellt sich ein Perspektivwechsel ein der manchmal ganz unverhofft unsere Welt auf den Kopf stellt. Oftmals finden wir die Lösung, den Gedankenansatz oder einfach nur die Entspannung, die uns kurz zuvor noch so unerreichbar schien. Neben den offensichtlichen Vorteilen für unsere Gesundheit hat ein Spaziergang jedoch auch noch einen positiven Einfluss auf unsere psychische Verfassung. In unserer von Schönheit besessen Welt unterliegt unser Körperbild mehr denn je einem stetig wachsenden Druck unrealistischen Idealen gerecht zu werden. Doch für viele von uns gleicht sportliche Aktivität eher einem notwendigen Übel des Alltags als einer genussvollen Freizeitbeschäftigung. Schon kurze Strecken zu Fuß wirken da jedoch Wunder und steigern unser psychisches Wohlbefinden in Bezug auf unsere Fitness und unser Körperbild. Haben wir das Gefühl Kontrolle über unseren Körper zu haben, hat das auch positive Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit. Unsere Schlafqualität wird ebenfalls positiv vom Gehen beeinflusst. In einer einmonatigen Studie fand man heraus, dass Menschen, die mehr gehen ein positiveres Schlafmuster aufwiesen. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der leicht erhöhten Körpertemperatur beim Gehen, die einen erhöhten Zustand der Wachheit signalisiert und ihrem Abfall danach, welcher ein Gefühl von Schläfrigkeit hervorruft.
Der größte Vorteil liegt jedoch in der Reduktion von Stress, dem ständigen Wegbegleiter des modernen Menschen. Aufgrund unserer von Konkurrenz und stetig wachsenden Anforderungen geprägten Arbeitswelten und wachsenden finanziellen Belastungen flüchten wir oftmals in die digitalen Sphären von Fernseher und Smartphone. Sie suggerieren uns eine Flucht aus der endlosen Trostlosigkeit des Alltags, allerdings ist der Effekt zumeist gegenteilig. Der endlose Scroll ertränkt uns in einem nicht enden wollenden Strom kurzlebiger Reize, die unsere Synapsen zum Übersteuern bringen. Alles blinkt und klingelt, während der Alltag weiter nach unserer Aufmerksamkeit schreit. Diese ist im 21. Jahrhundert so überspannt wie noch nie und droht, ähnlich einer überbelasteten Sehne jeden Moment zu reißen. Jegliche Art von Stress, die wir in diesem Durcheinander erleben steht im Zusammenhang mit unserer HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse), einem zentralen Regulationssystem im Umgang mit Stress. Setzen wir uns selbst nun Stressquellen, sogenannten Stressoren, aus, dann kommt es zu einem starken Anstieg von Adrenalin und Cortisol. Unser Stresslevel steigt also hormonell bedingt. Die Folgen permanenten Stresses reichen von Schlaflosigkeit, Nervosität, Panik oder Handlungsunfähigkeit bis hinzu Bluthochdruck oder sogar Depressionen.
Jeder von uns wird sich irgendwann schon einmal überfordert gefühlt haben. Man weiß nicht mehr weiter und inmitten drohender Deadlines fehlt einem die Kraft sich einen Ausweg vorzustellen. Der kurzfristige Entzug vom Leben in einen Spaziergang kann wahre Wunder bewirken. Unter Stress befindet sich unser Nervensystem oft im Notfallzustand. Unser sympathisches Nervensystem fokussiert die körperlichen Ressourcen dann auf wenige notwendige Funktionen. Durch das Gehen erhöht sich der Blutfluss und die Zirkulation verbessert sich. Unsere beschränkte Wahrnehmung weitet sich wieder aus und unsere Stressregulatoren entspannen sich. Ähnlich einer Entkrampfung reguliert sich unser Haushalt auf ein normales Niveau. Dabei lassen wir nicht nur den Stress hinter uns, sondern fühlen durch die allmähliche Entlastung auch eine Verbesserung unserer Stimmung. Die Belebung unseres Denkens mithilfe von Bewegung und frischer Luft gleicht also keinem Wunder, sondern basiert auf biologischen Fakten.
Trotz der großen Fortschritte durch die sich unser Leben drastisch verändert hat, werden die Herausforderungen an uns als Menschheit nicht weniger. Konstanter Stress hat schädliche, und oftmals langfristige Folgen für unsere Gesundheit. Ein Spaziergang, wie ihn schon die größten Denker wertschätzten, wirkt oft wahre Wunder, um ein bisschen Entspannung zu erzeugen. Inmitten von Wald und Wiese prasselt nichts auf uns ein. Wir nehmen subtile Gerüche und sanfte Geräusche wahr und flanieren außerhalb der sonst so typischen Reizüberflutung. Keine Termine oder laut trällernden Bilder übersteuern unsere Wahrnehmung. Unser Körper entspannt sich und wir können frei atmen. Langsam setzen sich auch unsere emotionalen Regulatoren in Gang und helfen uns positive Gedanken in einer von Schnelligkeit besessenen Welt zu fassen, in der oft wenig Zeit für uns selbst bleibt. Sind wir also der Meinung der Himmel würde über uns zusammen brechen und uns unter sich begraben, dann sollten wir uns an unsere Vorfahren erinnern. Denn unser Gang war und ist immer Sinnbild für Veränderung. Für ein Wagnis, etwas Neues zu erleben. Eine Einladung in das stetige Fortschreiten des Lebens.