Wie bezahlt China? - Die Unternehmen hinter Alipay und WeChat Pay

Andauernder wirtschaftlicher Wachstum ist heutzutage ein Synonym für die Volksrepublik China, denn seit Beginn der ökonomischen Reformen im Jahre 1978 hat sich die wirtschaftliche Situation des Landes stark verändert. Bis zum Jahr 2018 stieg das Bruttoinlandsprodukt jährlich um etwa 9,5 %. Seitdem spricht China von einer neuen Form des ökonomischen Wachstums, die weniger von staatlichen Investitionen getrieben wird und mehr auf Konsum, Dienstleistung und Innovation durch Technologie setzt. Trotz einer zentralen politischen Stimme war es neben dem Ende der Isolation vom Weltmarkt vor allem auch die Dezentralisierung wirtschaftlicher Macht, die ökonomische Reformen in Bewegung setzte. 40 Jahre später zahlt die Volksrepublik noch immer mit Yuan, auch Renminbi genannt, doch die Zahlungsmethoden haben sich verändert. Die fortgeschrittene Digitalisierung hat die Smartphone-Anwendungen Alipay und WeChat Pay in der ganzen Volksrepublik verbreitet und das Bargeld von seinem Thron gestoßen. Der Großteil der chinesischen Bevölkerung greift heute zum Handy, um Einkäufe zu tätigen und Rechnungen zu bezahlen. Die Bedienung ist nutzerfreundlich und es bedarf lediglich der Verbindung von Bankkarte und Smartphone-App, um fortan bargeldlos bezahlen zu können. Im Internet ist zur Bestätigung einer Transaktion die Eingabe einer Geheimzahl nötig, während Händler vor Ort einen QR-Code scannen, der sich in kurzen Abständen selbst erneuert, um Missbrauch zu verhindern.

Ursächlich für den beispiellosen Aufstieg dürfte allem voran die fehlende Infrastruktur sein, die eine flächendeckende Einführung von Geldkarten verhinderte. Diese existieren zwar, konnten sich aber außer zur Abhebung von Geld und der Regelung von Bankangelegenheiten nie als Zahlungsmittel durchsetzen. Die Erweiterung digitaler Zahlungsmethoden um eine Vielzahl von Funktionen machte ihre Nutzung umso attraktiver. Über sogenannte Mikroanwendungen, die innerhalb von Alipay oder WeChat Pay gestartet werden, eröffnen sich fast grenzenlose Möglichkeiten. Bezahlt werden die einzelnen Dienstleistungen natürlich direkt in der App selbst. Neben vielen weiteren Angeboten zählen die nachfolgenden Funktionen zu den meistgenutzten:

a) Integration diverser Lieferdienste

b) Bestellung und Ausgleichung der Rechnung im Restaurant

c) Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel

d) Buchung von Zug- und Flugtickets sowie Hotels

e) Vermietung von Leihwagen und Fahrrädern

f) Verwaltung von Kundenkarten verschiedener Unternehmen

Im Zuge der Corona-Pandemie wurden zusätzlich Minianwendungen hinzugefügt, die die Ergebnisse von PCR-Tests verwalten und die Gesundheitsnummer ausgeben, deren Färbung Auskunft über den Kontakt mit Corona-Infizierten gibt.

Verwunderlich ist, dass keiner der beiden Anbieter ein Monopol durchsetzen konnte und die Nutzung der persönlichen Präferenz überlassen ist. Zurückzuführen ist dies womöglich auf die Entstehungsgeschichten beider Plattformen. WeChat Pay entstand aus der Notwendigkeit, In-App-Käufe und Geldtransfers zwischen Privatpersonen möglich zu machen, während der Fokus von Alipay vermehrt auf der Zahlungsabwicklung im Online-Handel lag. Dieser Unterschied soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

Tencent Holdings Ltd. und WeChat Pay

Die Tencent Holdings Ltd. ist ein 1998 von Zhang Zhidong und Ma Huateng gegründetes Technologie- und Unterhaltungsunternehmen. Mit einer Marktkapitalisierung von 734,5 Milliarden Dollar gehört es zu den größten und wertvollsten Unternehmen weltweit. Der Instant-Messenger Dienst QICQ, welcher heute den Namen QQ trägt, war der Startschuss für das Unternehmen, welches heutzutage Investitionen in einer Vielzahl von Branchen tätigt. In China herrscht Tencent über 70 % der Videospielindustrie und ist weltweit als der größte Spieleentwickler bekannt. 2011 investierte man 400 Milliarden US-Dollar in Riot Games, den Entwickler von League of Legends, einem der erfolgreichsten Online-Multiplayer Spiele aller Zeiten, bei dem Tencent nun Mehrheitseigentümer ist. Andere Entwickler, in die das Unternehmen investiert hat, sind Epic Games, Activision Blizzard, Funcom oder Frontier Development. Für Aufsehen sorgte das Unternehmen 2017, als es 5 % der Anteile des amerikanischen Automobilunternehmens Tesla erwarb.

Auf dem chinesischen Festland ist Tencent besonders für die Chatsoftware WeChat bekannt. Mit über 1,2 Milliarden Nutzern chattet und spricht 78 % der chinesischen Bevölkerung im Alter von 16-64 Jahren über WeChat. Im Laufe der Jahre wurde die Anwendung um immer mehr Funktionen erweitert. Die Einführung der digitalen Geldbörse hat dazu geführt, dass das Unternehmen heute die zweitstärkste Zahlungsmethode des Landes bereitstellt. 2014 wurde diese Funktion erstmalig zum chinesischen Neujahrsfest eingeführt. Während dieser Festivitäten ist es üblich, seinen Freunden und Verwandten Geld in einem roten Umschlag, dem sogenannten Hongbao, zu schenken. WeChat digitalisierte diesen Brauch und vereinfachte ihn durch die Auflösung geografischer Nähe. Ein Marketingtrick, der eine Vielzahl von Kunden anlockte und das sich langsam abzeichnende Monopol von Alipay beendete.

Alibaba Group Holdings Ltd. und Alipay

Bevor WeChat Pay 2018 erstmals eine Milliarde Nutzer verzeichnen konnte, wurde dieser Markt von Alipay dominiert. Alipay ist Teil der 1999 von Jack Ma in Hangzhou gegründeten Alibaba Group, einem IT-Unternehmen, welches insbesondere für die C2C-Plattform Taobao bekannt ist. International wird Taobao oft als das chinesische eBay bezeichnet, bietet jedoch keine Auktionsfunktion. 2018 gehörte es international zu den zehn meistbesuchten Websites und ist Chinas größte Plattform für Online-Shopping. Schon im Gründungsjahr 2003 formulierten Nutzer der Plattform Sicherheitsbedenken. Wer garantierte den Versand der Waren durch die privaten Anbieter, sobald diese erfolgreich bezahlt wurden? Als Antwort entwickelte man Alipay, eine Anwendung, die das bezahlte Geld hinterlegte und erst nachdem der Käufer den Erhalt seiner Ware bestätigt hatte, weiterleitete. Bereits 2004 machte man diesen Service anderen Anbietern zugänglich. Nach der stetigen Erweiterung zu einer Zahlungsmethode für Privatpersonen und Unternehmen nutzten im Jahr 2020 81 % der chinesischen Kunden Alipay und dessen diverse Funktionen.

Im letzten Jahr wurde das Unternehmen jedoch Ziel einer von der chinesischen Regierung angeordneten Untersuchung. Die Vormachtstellung des Hangzhouer Unternehmens war dieser schon lange Zeit ein Dorn im Auge. Grund für die Kontroverse war die finanzielle Macht des Schwesterunternehmens Antfinancial, welches über seine Anwendungen Huabei und Jiebei, Mikrokredite zu extrem niedrigen Zinssätzen vergibt. Privatpersonen und Unternehmen können so digital und auf schnellstem Wege Kredite aufnehmen, deren Bonitätsbeurteilung nur wenige Sekunden in Anspruch nimmt. Zusammen mit Alipay herrscht das Unternehmen so über eines der wichtigsten finanziellen Ökosysteme der Volksrepublik, was nach Sicht der Regierung die Stabilität des breiteren finanziellen Systems bedrohen könnte. Als ersten Schritt zur Machtminderung ernannte die kommunistische Partei staatliche-geführte Unternehmen und Banken zu aufsichtsführenden Interessenvertretern und verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 2,8 Milliarden Dollar für den Missbrauch seiner Macht im Online-Handel. In einem nächsten Schritt sollen die Apps Huabei und Jiebei eigenständige Anwendungen werden, die außerhalb von Alipay operieren und die gesamten Nutzerdaten an die Regierung übergeben. Die Bonitätsbeurteilung läuft von dem Moment an über ein separates, teils staatlich-geführtes Unternehmen, das die Kreditwürdigkeit überprüft. Trotz radikaler Bestrebungen die Macht des Unternehmens zu begrenzen, bleibt abzuwarten inwiefern die Rolle von Alipay als eine der wichtigsten Zahlungsmethoden davon beeinflusst wird.

Die Zukunft in Händen der Partei?

Mit der diesjährigen Einführung des e-CNY (e-Chinese Yuan) durch die People's Bank of China, Chinas wichtigster Bank, ist die Rolle beider Unternehmen und ihrer Zahlungsmethoden ungewiss. Die kommunistische Partei ist weltweit die erste Landesregierung, die selbst eine digitale Währung einführte. Ihre Nutzung wurde bereits im letzten Jahr in einigen großen Städten getestet. Neben dem offensichtlichen Interesse, im internationalen Geschäft von Bitcoin und Co. mithalten zu können, soll der e-CNY die bestehende Zahlungslandschaft Chinas umformen und gleichzeitig sicherstellen, dass der Renminbi die wichtigste Währung der Volksrepublik bleibt. Anders als Alipay und WeChat Pay, die mit bestehenden Währungen arbeiten, handelt es sich beim e-CNY um eine eigene Währung, die wie Bargeld genutzt wird. Besonders Sicherheitsbedenken, die bei der Nutzung digitaler Zahlungsmethoden aufkommen, können durch die anonymisierte Nutzung des e-CNY beruhigt werden. Auch die angestrebte Minderung der Macht von Alipay und WeChat Pay lässt sich durch eine eigens für den e-CNY eingeführte Anwendung zumindest auf dem Papier anstreben. Denn wie Mu Changchun, Leiter des Forschungsinstituts für digitale Währungen selbst berichtet, läuft die Einführung des e-CNY schleppend. Die Währung, die sich auch mit gängigen Zahlungsmethoden nutzen lässt, unterscheidet sich zu wenig von bereits Etabliertem, um einen Wechsel lukrativ zu machen. Es bleibt also abzuwarten, mit welchen Mitteln die chinesische Regierung die Nutzung weiter vorantreiben wird. Fürs Erste verbleibt der chinesische Konsum in den Händen zweier Technologiegiganten. Nicht nur das andauernde Wachstum des Online-Handels wird den Einfluss beider Unternehmen weiter stärken. Sowohl Tencent als auch Alibaba waren an der Entwicklung des e-CNY beteiligt. Ein Indiz dafür, dass den Unternehmen Sorgen um ihre Rolle im chinesischen Finanzsystem fern zu sein scheinen. Wie auch immer die Zukunft aussieht, die Partei wird alles daran setzen, die finanzielle Zukunft Chinas führend zu gestalten.