Der Mensch im Mahlwerk - Abhängigkeit in der Pandemie
Ein Mann im Anzug starrt auf einen flimmernden Bildschirm. Tiefe Augenringe zieren das Gesicht und sein Knie wippt auf und ab. Der Computer gibt rote Zahlen aus. Der Mann rauft sich die Haare. Er zieht merklich oft die Nase hoch. Ein Haus weiter kommt eine Mutter von ihrem dritten Job nach Hause. Ihr Sohn hat Hunger und verlangt wütend nach etwas zu essen. Beim Griff nach dem Bratöl fällt ihr Blick auf die Flasche Rotwein, die sie am Morgen beschämt im Gewürzregal versteckt hatte. Auf der Straße zwischen den Häusern bittet ein frierender Mann die vorbeihuschenden Menschen um ein paar Cent, doch mehr als ein wenig Mitleid und Verachtung haben sie nicht für ihn übrig.
Pandemie der Sucht
Eine Abhängigkeit, auch Sucht genannt, kann jeden Menschen treffen, unabhängig davon, ob man ein erfolgreicher Manager mit 6-stelligem Jahresgehalt oder eine verwitwete Großmutter ist. Manchmal werden Belastungen und Unsicherheiten so groß, dass die Flucht in Zwangshandlungen oder der Missbrauch von Substanzen das Einzige ist, was eine kurzzeitige Entlastung verschafft. Das Stigma gegenüber Menschen mit einer Sucht ist noch immer groß. Häufig wird sie mehr als die Charakterschwäche scheinbar problematischer Menschen gesehen, als die Verfehlung der Gesellschaft leidenden Individuen die nötige psychologische Hilfe zur Verfügung zu stellen.
Das Bild des Süchtigen ruft in den meisten Köpfen die Silhouette eines Obdachlosen hervor, der einem am Bahnsteig erschöpft nach ein paar Euro fragt. Auch das ist eine Realität von Menschen mit Suchtproblemen, aber eben nur eine. Abhängigkeit kennt keine Schichtzugehörigkeit, keinen Bildungsstand und auch kein Karmakonto, dessen Aufladung mit positiven Taten uns vor der zerstörerischen Macht einer Sucht schützt.
In seinem von den Kritikern gefeierten Buch „Im Reich der hungrigen Geister“ beschreibt Gabor Maté Sucht als einen Problemlösungsmechanismus unserer Psyche. Unverarbeitete Probleme und Trauma verwurzeln sich in unserem System und werden irgendwann so groß, dass wir nicht mehr in der Lage sind, sie selbstständig zu lösen. Stattdessen leben wir in einer ständigen Spirale aus Retraumatisierung und Schmerzen. Der Konsum von Drogen oder zwanghaftes Handeln scheinen dann oftmals der einzige Ausweg zu sein. Dabei sind es nicht nur Substanzen wie Kokain, Heroin oder Alkohol, nach denen wir süchtig werden können. Der von der Werbebranche gefeierte Kaufrausch oder der gesellschaftlich hochgelobte Workaholismus sind genauso Suchtverhalten, wenn beim Einkauf oder auf der Arbeit die Schwelle von Genuss zu regulativer Zwangshandlung überschritten wird. Die Befriedigung unseres Verlangens bringt kurzfristige Entlastung und verändert die momentane Situation in etwas Positives. Dieser Effekt ist jedoch nur temporär und schon bald befinden wir uns wieder zurück in unserer eigenen Dunkelheit. Für Mate gibt es keine „Suchtkrankheit“ und auch keine „Suchtpersönlichkeit“. Er beschreibt traumatisierte Seelen, die versuchen, sich ihrem eigenen Elend zu entziehen, ohne sich mit ihren unüberwindbar scheinenden Problemen beschäftigen zu müssen. Unsere Gesellschaft bietet diesem Verhalten eine wachstumsfördernde Grundlage. Schlagwörter wie Schnelligkeit, Arbeitskultur und steigende finanzielle Belastungen kratzen da nur an der Oberfläche.
Die andauernde Corona-Pandemie hat diesem Zustand keinen Abbruch getan, sondern ist den Problemen der meisten Menschen eher zuträglich gewesen. Ein Marathon an Herausforderungen und Ungewissheiten hat viele in eine physische, aber auch emotionale Erschöpfung getrieben. Studien, die sich mit den psychologischen Auswirkungen von politisch verhängten Quarantänemaßnahmen während der Ebola- (2014) und SARS-Epidemie (2003) beschäftigen, zeigen, dass Individuen in dieser Zeit ein erheblich größeres Maß an psychologischem Leid erfuhren. Dies äußerte sich durch einen Anstieg von Depressionen, Stressgefühlen, Reizbarkeit, Angst, Erschöpfung und Schlaflosigkeit.
Auch die Corona-Pandemie brachte eine derartige Entwicklung hervor. Der Alltag vieler Menschen wurde in einer Spanne von wenigen Tagen unterbrochen und diese in ihren Häusern eingesperrt. Der nötige Stressabbau wurde durch die Beschränkung von Freizeitaktivitäten und die Einschränkung des menschlichen Miteinanders auf ein Minimum begrenzt. Ferner stellte die Vereinigung von Arbeit, Schule, Sozialleben und Privatsphäre in den eigenen vier Wänden viele Menschen vor neue, kräftezehrende Herausforderungen, die teilweise verheerende Folgen für deren psychisches Wohl hatten. So lebten viele Menschen über Wochen hinweg sozial isoliert in ständiger Konfrontation mit ihren Problemen. Ein fruchtbarer Nährboden für eskalierende Panik und psychische Krankheiten. In einem Leben voll niemals endender Sorgen sind Depressionen eine der häufigsten Folgen. Schon vor der Pandemie gaben 22,9 % der Befragten einer repräsentativen Umfrage an mit Depressionen zu tun zu haben, während 36,6 % jemanden kennen der mit Depressionen kämpft. Auch die Angst, sich mit einem Virus zu infizieren, dessen Krankheitsverlauf oftmals unvorhergesehene Folgen hat, bereitete vielen Menschen Probleme. Ebenso die medial verbreiteten Unsicherheiten über die Grundversorgung mit Lebensmitteln und die Aufrechterhaltung der Gesellschaft. Finanzielle Unsicherheiten durch teils erheblich verringerte Einnahmen zwangen viele Menschen in Existenzängste. Mehr als eine Million Menschen haben ihre Arbeit sogar verloren.
Dr. William Stoops, Professor der Psychologie und Psychiatrie sowie für Verhaltensforschung an der Universität von Kentucky, nennt es einen „perfect storm“ an Faktoren, die Suchtverhalten begünstigen. Die Menschen seien gestresster und isolierter denn je und treffen auf dieser Basis ungesunde Entscheidungen, sagt er.
Substanzmissbrauch
Eine Umfrage des Addiction Policy Forums befragte 1079 Individuen, die an einer Drogenabhängigkeit litten bezüglich ihrer Erfahrung während der Corona-Pandemie. 74 % der Befragten gaben an, emotionale Veränderungen an sich beobachtet zu haben und 20 % bestätigten den Anstieg ihres Drogenkonsums. Eine Person gab an, sich noch nie so Rückfall gefährdet gefühlt zu haben. Eine andere sprach davon, nie zuvor eine so starke Depression erlebt zu haben wie zur Zeit der Pandemie. Alleine in Deutschland wurden im Jahr 2020 1581 Todesfälle im Zusammenhang mit Drogen registriert. Ein deutlicher Anstieg um 13 % im Vergleich zum Vorjahr. Mit 37,1 % führte besonders der Konsum von Opioiden zum Tod, wobei der Wert im Vergleich zum Vorjahr um 12 % gesunken ist. Mit einem Anstieg von 6,3 % stieg die Zahl der Vergiftungen mit anderen Stoffen auf 18,5 %. Durch Drogenkonsum bedingte Langzeitschädigungen waren mit 27,3 % die zweithäufigste Todesursache. Den größten Anstieg verzeichneten Todesfälle durch Kokain/Crack mit einem Wachstum von 33,3 %.
Alkohol
In einem Vergleich mit 11 Ländern weist Deutschland den höchsten Alkoholkonsumwert auf, wie eine Untersuchung des OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) berichtet. So trinken die Deutschen 12,9 Liter Alkohol pro Person im Jahr, was umgerechnet 2,6 Flaschen Wein oder 5 Flaschen Bier pro Woche entspricht. Dabei gaben 34% der Erwachsenen an mindestens einmal im Monat viel zu trinken. „Viel“ bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als 80 % einer Flasche Wein oder 1,5 Liter Bier pro Anlass. Die Anzahl an Alkoholikern wird in Deutschland auf 3,5 % geschätzt. Eine Korrelation zwischen Stress und Alkoholkonsum ist nachgewiesen. Es scheint also naheliegend, dass die letzten Jahre auch einen Einfluss auf die Trinklandschaft Deutschlands hatten, oder? Während Alkoholverkäufe im Online-Handel um 234 % zunahmen, sank der generelle Konsum von Alkohol. Das Statistische Bundesamt gab bekannt, dass sich der durchschnittliche Bierkonsum pro Kopf um 5 Liter reduziert hatte. Sektkonsum sank im Durchschnitt um 3,3 Liter (2,1 %) und und der Konsum von Schnäpsen 2,1 Liter (0,9 %). Lediglich der Konsum von Wein und weinhaltigen Spirituosen stieg um 7,7 %.
Es ist fraglich, ob diese Zahlen die Realität abbilden. Ein großer Teil des Rückgangs ist vermutlich den Schließungen von Bars und Restaurants verschuldet, nicht aber einem Rückgang des Alkoholismus. Tatsächlich berichtet eine Vielzahl von Menschen während der Pandemie Alkohol zu konsumieren, um die Wirkung von Problemen und Herausforderungen zu schmälern.
Für Online-Casinos und Gratisspiele hatte die Pandemie positive folgen, da die Schließung von Casinos und Spielhallen ihre Nutzung stark ansteigen ließ. Die Risikofaktoren, die die Ausbildung einer Spielsucht bedingen, sind im digitalen Glücksspiel wesentlich potenter. Es fehlt an sozialer Kontrolle von permanent verfügbaren Angeboten, die jeglichen Bezug zu realem Geld obsolet machen. Besonders jüngere Menschen mit geringem Einkommen und einem niedrigen Bildungsabschluss seien laut einer Schweizer Studie betroffen. Ferner werde rund die Hälfte aller Spieleinsätze von den 10 % problematisch Spielenden bezahlt.
Mediennutzung
Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters fand heraus, dass 4 % Prozent aller Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren ein pathologisches Nutzerverhalten, also ein Suchtverhalten, in ihrem Medienkonsum aufwiesen. Speziell im Bereich der Computerspiele (2019:144.000 → 2020: 219.000) und in der Nutzung sozialer Medien, wie Instagram, TikTok und Twitter (2019: 171.000 → 2020: 246.000) zeigte sich ein starker Nutzungsanstieg. Verstärkte Isolation und ein unregelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus verursachten vor allem bei den Jungen einen problematischen Umgang mit Medien. Der unkontrollierte Zugang führte zur Vernachlässigung anderer wichtiger Aktivitäten und verringerte schulische Leistungen. Im Durchschnitt stieg die Bildschirmzeit während der Pandemie um 69 %, auf 189 Minuten an.
Hilflosigkeit während der Corona-Pandemie
Keine Konzerte und keine Restaurantbesuche bedeuten auch keine Treffen von Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern. Menschen, deren psychische Stabilität auf diese Programme angewiesen war, fanden sich nun alleine in ihren vier Wänden wieder. Die Rückfallgefährdung ist sehr hoch, da die Gemeinschaft und die regelmäßige Teilnahme an solchen Treffen essenzieller Teil der Rückkehr in die Normalität sind. Schon zu Beginn der Pandemie wurden viele Angebote in Form von Zoom-Konferenzen oder Skype-Gesprächen umgesetzt. Das Gefühl, im eigenen Haus gefangen zu sein, bleibt jedoch genauso wie der Zweifel an der Effektivität und wirklichen Nützlichkeit online angebotener Therapie- und Beratungsmethoden. So äußerten 78,5 % einer Studie, dass ihnen diese Angebote zu unpersönlich seien, während 69,5 % auch Bedenken aufgrund des Datenschutzes äußerten. 46,5 % hielten solche Angebote sogar für gefährlich, während nur 39,5% sie als hilfreiche Unterstützung sahen. Es scheint also Vorbehalte zu geben, die einige ihre Abstinenz und gewonnene Stabilität kosten könnte.
Während gesellschaftliche und systemische Probleme noch immer ursächlich für eine weite Verbreitung von Süchten ist, hat die Pandemie diese Situation erheblich verschlechtert. Der Zugang zu Hilfsmitteln ist begrenzt, doch die Zahl der Stressoren steigt weiter an. Dabei sind nicht nur Menschen gefährdet, die bereits an einer Abhängigkeit leiden. Mehr und mehr Menschen fühlen sich in die Enge getrieben. Die Pandemie verleitet sie dazu, einen einfach zugänglichen und schnellen Umgang mit Quarantänemaßnahmen und einer ungewissen Zukunft zu finden.
Sollten Sie Hilfe benötigen oder kennen jemanden, der gefährdet ist, können sie sich hier an die Suchtberatung des Deutschen Roten Kreuzes wenden. Ferner bietet die bundesweite Telefonseelsorge einen Anlaufpunkt für alle Angehörigen von Suchtkranken.