Buffet-Restaurants — Mit kugelsicherer Weste durch Asien
Der Geruch von frittierten Speisen liegt in der Luft. Aus den Lautsprechern ertönt der hohe Gesang einer Frau, die von unsäglichem Leid zu klagen scheint. Rundherum drängeln sich Menschen entlang enger Gassen und laden sich bergeweise Shrimps, Rindfleischstreifen und Sushi auf ihre Teller. Das Buffet-Restaurant boomt. Ein wahres Paradies für deutsche Sparfüchse, die für den Preis von einer Mahlzeit eine Schlemmerreise durch Asien unternehmen können.
Täglich strömen hungrige Mäuler in Gourmet-Tempel, die versuchen, jeglicher südostasiatischer Symbolik gerecht zu werden. Sie sind die Fremde in der Heimat, die Exotik im Vertrauten und der Kurzurlaub vom stressigen Alltag.
Es ist nichts Verwerfliches daran, sich ihren roten Deko-Ornamenten und Plastikbuddhas hinzugeben, doch oftmals scheint die Grenze zwischen tranceartiger Überfütterung und direkter Repräsentation des asiatischen Kontinents zu verschwimmen. Generell sollte man sich die Frage stellen, was Buffet-Restaurants denn nun sind, asiatisch oder chinesisch? Die Antwort scheint so eindeutig wie die Aussage eines Kindheitsfreundes, der nach einem kurzen Wiedersehen einige Jahre nach Kontaktabbruch anmerkte, er würde vermuten, China sei eine schöne Stadt.
Asien, der Kontinent
Asiatisch oder Chinesisch, oft auch als der Asiate oder Chinese bezeichnet, scheint als ausgehöhlter Sammelbegriff für vollgestopfte Touristenbusse am Eiffelturm, 2,50€-Nudelboxen oder die Unterdrückung namenloser Gesichter „mit diesem Punktesystem da bei denen“ zu funktionieren. Die unterschiedlichsten Kulturen werden in einen Sack gesteckt und einmal kräftig durchgerüttelt. Heraus kommt ein stereotypisierter Prototyp, denn „ich bin ja nicht rassistisch, aber die sehen schon irgendwie alle gleich aus“.
Man sollte sich bewusst machen, dass asiatisch und chinesisch keine austauschbaren Adjektive sind. China ist ein Land und Asien ein Kontinent. Dieser Kontinent besteht aus vielen verschiedenen Ländern und ist unfassbar groß. Asiatisch ist auch japanisch, koreanisch, indonesisch, vietnamesisch, indisch, usbekisch, pakistanisch, kambodschanisch, sri-lankisch, nepalesisch, irakisch, turkmenisch, libanesisch und noch vieles mehr.
All diese Länder sind nicht nur klimatisch und geografisch extrem unterschiedlich. Sie basieren auf Kulturen, die oft Tausende von Jahren alt sind, also wesentlich älter als jede Kultur Europas. Jedes dieser Länder spricht andere Sprachen, lebt andere kulturelle Traditionen und isst andere Speisen. Unsere Kenntnisse dieser Kulturen sind jedoch noch immer stark limitiert und von vielen Vorurteilen geprägt. Oftmals kennen wir Asien nur als ein weit entferntes Sammelbecken. In diesem liegt das totalitäre China, wo Menschen täglich zu Tausenden verschleppt und getötet werden. Oder Nordkorea, ein Land, in dem ein unsympathischer Diktator tagein, tagaus mit den Fantasien nuklearer Sprengköpfe liebäugelt. Auch Thailand und seine magischen Strände findet man irgendwo da verortet. Strände, an denen Sex-besessene Europäer ihre tiefen Gelüste an zärtlichen Frauen auslassen, bei „denen man sich ja nie sicher sein kann, ob sie nicht doch einen Penis haben“.
China, das Land
Im ostasiatischen Teil des Kontinents liegt die Volksrepublik China. Sie fungiert neben Russland, schon lange als Antithese zum individualistischen Traum westlicher, demokratischer Mächte. Die Nachrichten sind besessen davon, die totalitären Züge eines Dominanz-hungrigen Landes in all ihren Facetten herauszuarbeiten. Man hört von verhafteten Intellektuellen oder einem gnadenlosen Punkte-System, das die Menschen nach ihrer Obrigkeitshörigkeit bewertet. Wir nehmen diese Nachrichten ungefiltert auf, konstruieren daraus eine chinesische Personallage, die aus entindividualisierten Silhouetten besteht. Aus leeren Hüllen, die sich in Fabriken robotisch zu Tode arbeiten oder in militärischen Drills um ihr Leben salutieren. Hilflosigkeit und Klaustrophobie zeichnen unseren Blick auf China. Zwar weicht die politische und gesellschaftliche Situation Chinas in wichtigen Punkt von demokratischen Idealen ab, doch die standfeste Ignoranz, mit der diese Annahmen durch Vorurteile und Halbwahrheiten unterfüttert werden, ist erschreckend. Auch über die chinesische Bevölkerung an sich halten sich phrasenhafte Überzeugungen, die im besten Falle nicht mehr als unreflektiertes Halbwissen offenbaren.
„Die sind alle immer so freundlich, aber Gehorsamkeit liegt denen ja auch im Blut.“
„Die wuseln den ganzen Tag wie so kleine Ameisen umher, nur um irgendwie ein bisschen Geld zu verdienen. Die haben ja alle nichts und das bisschen nimmt denen der Staat dann auch noch weg.“
„Die sind dann ja da alle irgendwie buddhistisch. Aber die gehen doch auch wie ganz normale Christen sonntags in die Kirche oder?“
Wir unterstellen der chinesischen Bevölkerung standardmäßig eine Unfähigkeit, kritisch zu denken und Bewertungen der eigenen Lebenssituation zu formulieren, welche dann auf die gesamte Bevölkerung Asiens gespiegelt wird. Wir unterstellen Schwäche und Unterwürfigkeit. Die chinesische Gesellschaft wird so zum Gegenspieler unserer von Freiheit, Selbstverwirklichung und Alphatieren besessenen westlichen Gesellschaften.
Mit den Fantasien von thailändischen Dschungeln, in denen sexwütige Ladyboys und zierliche Frauen darauf warten, von weißen Reisenden dominiert zu werden, in unseren Köpfen, verliert „der Asiate“ dann auch noch jegliche sexuelle Selbstbestimmung.
Im Falle einer oberflächlichen kulturellen Auseinandersetzung beißen wir uns im kleinstmöglichen Nenner mit unserer eigenen Kultur fest. So dominiert der Konsum von Hundefleisch seit Jahrzehnten den deutschen Small Talk um asiatische Esskultur, wobei Fakten so weit abstrahiert, verzerrt und verändert werden, bis von der eigentlichen Kernaussage nichts mehr zu erkennen ist. Geschichten wie diese sind vielzählig. So halten sich seit Jahren Gerüchte von entlegenen Bergregionen tief in der Mitte Chinas, in denen Suppen aus Neugeborenen gekocht werden. Wir unterstellen der Andersartigkeit von Ländern außerhalb der westlichen Welt immer wieder einen archaischen Unterton, eine barbarische Brutalität, die in ritualisierten Essgewohnheiten herausbricht und „uns“ von „denen“ unterscheidet.
Allen, deren Grenze jetzt schon überschritten ist und die wutschnaubend auf ein Video „mit dem Affenhirn fressenden Vietnamesen, Chinesen oder was der da war“ verweisen, denen sei gesagt, dass es hier keinesfalls darum geht, sich schützend vor jegliche kulturelle Praktik zu schmeißen. Schließlich möchte auch niemand behaupten, dass die Fettleibigkeit der deutschen Bevölkerung ein kulturell bedingtes Übel hartarbeitender Mittelständler wäre, „weil es ja so gut schmeckt“. Es geht darum zu verstehen, dass ein Land…:
a) …mehr ist als das, was wir über seine Kultur verstehen.
b) …mehr ist als sein politischer Kurs.
c) …mehr ist als der Unterschied zwischen „mir“ und „dem da“.
Eine Metapher, sie zu knechten
Buffet- und Schnellrestaurants bilden genau dieses Bild metaphorisch ab. Ihre Dekoration ist ein überzeichnetes Amalgam kultureller Symbole, die unsere Sinne als asiatisch registrieren. Ein Koi-Teich plätschert vor sich hin, Säulen aus Plastik imitieren eine Pagode und aus jeder Ecke grinst einem frech ein Buddha entgegen. Rote Dekorationen und chinesische Schriftzeichen tänzeln die Wände entlang, bis der Blick auf einer gigantischen Aquarellzeichnung der Chinesischen Mauer haften bleibt. „Da haben die Chinesen echt mal was Großes geleistet.“
Dieser Prunk verunsichert die ernsten Mienen und bringt die Köpfe störrischer Deutscher in Kombination mit klassischer chinesischer Musik an seine Grenzen. Die Flucht in die Fressorgie scheint der einzige Ausweg. Eine Sushi-Theke fusioniert die japanische Tradition mit Frischkäse und Rucola, während eine Landschaft frittierter Speisen zum Ratespiel einlädt. Danach geht es weiter mit einer Vielzahl an vorgegarten Speisen, deren Namen, vorausgesetzt die Schilder sind richtig sortiert, die Geister berühmter chinesischer Gerichte anrufen. Sie sind dabei so weit von ihren authentischen Ebenbildern entfernt wie die AfD von der Wahrheit. Der mongolische Grill rundet das Bild ab und lädt dazu ein, Fleisch, Fisch und Gemüse zusammen mit einer selbst gemischten Soße in Echtzeit gegrillt zu bekommen.
In all dieser Fülle an Speisen offenbaren sich einige Regeln, deren Einhaltung unter keinen Umständen verletzt werden darf, um das fragile Heimatgefühl der Restaurantbesucher inmitten asiatischer Exotik nicht zu verletzen. So wie ein Turmspringer sein Sprungbrett benötigt, so bedarf es einem bekannten Anlaufpunkt in Form von Fritten und Kartoffelgratin, von dem aus man in den Pool asiatischer Speisen springt. Dabei ist die Zubereitung oft der deutschen Kultur angepasst und Ketchup als Grundlage von Würzsoßen keine Seltenheit. Auch der exzessive Fleischkonsum entstammt eher einem deutschen Wunschideal als chinesischer Realität. Heute ein Symbol der aufstrebenden Mittelschicht Chinas, war es lange eine wirtschaftliche Unmöglichkeit, Fleisch und Meeresfrüchte in derart großen Mengen zu konsumieren.
Ferner haben viele Rezepte der acht großen Küchentraditionen (八大菜系 bādà càixi) von denen die Küche aus Sichuan international wohl die bekannteste ist, ihren Ursprung in der Fünf-Elemente Lehre von Yin und Yang. Hierbei geht es um ein gleichberechtigtes Zusammenspiel aller Zutaten, um unsere inneren Energien zu stabilisieren und eine gesunde Balance in Seele und Körper zu erzeugen.
Erzähl mir China!
Die natürliche Ignoranz gegenüber Bräuchen und Sitten anderer Kulturen ist als solches erst einmal nur eine Tatsache, die sich durch kulturelle Kommunikation langsam auflöst. Ein natürlicher Prozess, der aber genauso gut instrumentalisiert werden kann, um das Andere zu dämonisieren, in ein Feindbild umzuwandeln, sobald es uns scheinbar zu nahe kommt und vermeintlich unsere eigene Lebenswelt bedroht. Als Gegenpol zum „American Way of Life“, der unsere westliche Konsumkultur dominiert, demonstriert China diesen Fakt eindringlich. Als medialer Antagonist werden wir regelmäßig mit politischen Realitäten und spekulativen Fakten der chinesischen Gegenwart konfrontiert. Wir nehmen das Land lediglich in politischer Relation, also in der Stärke, wie es sich politisch von unseren demokratischen Idealen unterscheidet, wahr. Der Mensch als Individuum spielt keine Rolle mehr, da das Land nur noch singulär als seine Politik und Regierung verstanden wird. Dieser Zustand hat sich in der Zeit extremer Sorge um bröckelnde Demokratien und schwindender Freiheitsgedanken nur noch intensiviert.
Das Chinesische als kultureller Wert existiert in den Köpfen einer großen Allgemeinheit nur als umweltverschmutzende Schneemaschinen während der Olympischen Winterspiele, als anonymisierte Hochhausbauten, als zerfallende Lungen inmitten hupender Autos. Es existiert nur in Bezug auf das, was wir sehen wollen, nicht aber was es uns zeigen möchte. Auch hier lassen sich Parallelen zu unseren ausladenden Buffets finden, welche unser Verständnis eines unifizierten, unter chinesischer Hand geführten, Asiens repräsentieren. Es geht nicht um die Authentizität kulinarischer Erfahrung, um Gerichte, deren Ursprung in alten Kaiserdynastien oder Bergdörfern, die im Winter mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten sind, liegen. Es geht um preiswertes Essen, den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner zwischen deutscher und chinesischer Esskultur. China hat es und wir wollen es.
In einem Land, das historisch gesehen oft in Sorge um die Sicherstellung der eigenen Ernährung lebte, verkommt die chinesische Esskultur zur Kosten-Nutzen-Maximierung am unteren Ende der Nahrungskette. Hinzu kommt, dass uns das Fremde oft überfordert. Viele Menschen sind nicht bereit, ihr Völlegefühl für die Erfahrung neuer Gaumenreize aufs Spiel zu setzen und überbewerten unter Umständen fehlinvestiertes Geld.
Mehr als Anekdoten
Wir leben im 21. Jahrhundert, der scheinbaren Hochburg menschlichen Fortschritts. Angeblich geht es uns so gut wie noch nie und technologische Neuerungen liefern sich ein Wettrennen darum, unsere Lebensqualität ins Unermessliche zu steigern. Doch alte Denkmuster sind noch immer in greifbarer näher. Man spürt sie in unseren Nacken atmen. Vorurteile haben sich noch immer nicht in dem Maße aufgelöst, wie wir es von einer derart fortschrittlichen Welt erwarten würden. Auch kulturelle Verunsicherungen sind noch immer stetiger Teil unserer Lebenswelten und zeigen sich gerade dann, wenn sie sich zur Politisierung oder Meinungsbildung instrumentalisieren lassen. Dabei soll es in unserer Auseinandersetzung gar nicht darum gehen, politische Realität von Fiktion zu unterscheiden. Es handelt sich, um den Aufruf hinzusehen. Das vermeintlich Andere zu entlarven und zu verstehen, welche menschlichen Schicksale dahinterstecken.
China ist mehr als nur totalitäre Politik. Indien ist mehr als stinkende Gassen. Thailand ist mehr als Sextourismus. Asien ist mehr als die Summe der Vorurteile. Mehr als Anekdoten über Hundefleisch und Knoblauchgeruch. Mehr als gefolterte Seelen und Völkermord. Es sind gelebte Schicksale und glückliches Lachen, lebenslange Freundschaften und Strandspaziergänge, atemberaubenden Natur und Städte voller Neon, der erste Kuss in einer engen Gasse oder die Liebeserklärung an einer Garküche. All das geht unter im Fingerspiel politischer Mächte, die nicht an Information, sondern Schuldzuweisung interessiert sind.
Es liegt an uns Menschen die Verbindung zu schaffen. Anknüpfungspunkte findet man überall. Der asiatische Supermarkt, die japanische Nachbarin oder die indische Familie, die ganz in der Nähe ein Restaurant betreibt. Ein Gespräch ist leicht begonnen. Wem dies zu drastisch klingt, der kann unsere alltägliche Technologie dafür benutzen, wofür sie geschaffen wurde, anstatt den ganzen Tag Bilder halb nackter Männer an Traumstränden zu begeifern und sich bilden. Ein gigantisches Archiv an Wissen von Dokumentationen über Bücher hinzu Interviews stehen uns zu jeder Zeit des Tages zur Verfügung.
Natürlich ist nicht jedem das Interesse an anderen Kulturen in die Wiege gelegt und manchmal fehlt auch einfach die Zeit. Es sind aber gerade diese Momente, in denen wir uns an eine Frage erinnern sollten. Ist es notwendig, den Akzent der Dame zu imitieren, die auf der Straße an einem vorbei eilt? Fühlt es sich richtig an, bei der Essensbestellung ein humoristisches Stoßgebet auszusenden, dass man hoffe, es handele sich nicht um Hundefleisch? Ist es des Friedens willen angebracht, über die rassistischen Fledermaus-Witze des Onkels zu lachen, die er mal wieder beim Familienessen kundgibt? Wie an vielen Stellen schützt Unwissenheit leider nicht vor Dummheit.